Was ist überhaupt eine Ryū?

Die Ryū (Schule) ist eine Methodik für die Überlieferung eines Systems, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Ryū beinhaltet ein familiäres Konzept weit über den Sinn des Wortes hinaus; es wurde von dem Gründer erschaffen, um es an seine Kinder weiterzugeben. Obwohl im Prinzip eine Ryū vom Vater zum Sohn weitergegeben werden muss, um die Linie des Blutes zu wahren, existiert außerdem eine andere Art der Erbschaft, die des Meisters „an einen, der versteht“. Das heißt, obwohl es normal ist, dass eine Ryū vom Vater an die Kinder weitergegeben wird, besonders in den familiären Normen, kommt es doch oft vor, daß der Erbe kein Familienmitglied ist, aber eine sehr starke Verbindung mit dem Meister auf der Ebene des wesentlichen Verständnisses der Schule besitzt, um der Nachfolger zu werden. 

Der Name einer Schule kann benannt sein nach seinem ursprünglichen Gründer, nach dem Ort, an der sie entstand oder nach den generellen Merkmalen oder Charakteristiken der Schule. So entnimmt man z. B. der Togakure Ryū den Ort, an dem diese Schule entstanden ist (Togakushi), während das Kukishinden Ryū vom Imperator Go-daigo erschaffen wurde, um die Kampfkraft seiner Krieger als Dämonengötter zu charakterisieren.

Im Allgemeinen hat jede Ryū seine eigenen Methoden der Vermittlung des Systems. Es existieren oft geschriebene Dokumente des Gründers, die von den verschiedenen Nachfolgern verändert und ergänzt werden. Diese Unterlagen, die Densho (Schriftrolle) genannt werden, enthalten die gesammelten Kenntnisse und das Können der Kampftradition. Sie werden vervollständigt durch die mündliche Überlieferung (Kuden) und der Tradition „von Herz zu Herz“ (Shinden). Die zentrale Achse einer Ryū ist der Bestand seiner Überlieferung. Übermittlung findet nicht nur über die Form der Übergabe der Dokumente des Inhabers statt, die als rituell und materiell angesehen werden kann, sondern auch durch mentale (Kuden) und spirituelle (Shinden) Unterstützung.