ÜBER DIE PHILOSOPHIE DER BUDŌ-ETIKETTE

Die Bedeutung der Etikette im traditionellen Budō muss sehr hoch eingeschätzt werden, denn sie geht weit über das hinaus, was man im Westen unter „Regeln“ oder „Disziplin“ versteht. Die Etikette im Budō ist mehr als ein bloßes Regelwerk, eine Abläufe organisierende „Ordnung“:

In der Etikette drückt sich die innere und äussere Haltung des Budō und desjenigen, der Budō praktiziert, aus und offenbart das rechte Verständnis des Weges und das Bemühen um Fortschritt. Das heisst, nicht das, sondern wie ich die Etikette „bediene“ (besser: mich ihrer bediene), um meiner Haltung gegenüber dem Dō, Ryū, Dōjō, Sensei oder Mitschüler Ausdruck zu verleihen, ist dabei entscheidend. Im traditionellen Budō sagt man, dass man an der Art, wie man sich verneigt, den wahren Meister erkennt, oder daran, wie die Schüler ihre Kleidung sortieren (z.B. ihre Schuhe ausrichten), erkennt, wie weit sie bereits im Budō gekommen sind.

Kampfkunst ohne Etikette ist zum Kampfsport verkommen, da sie wichtiger „geistiger“ (innerer) Schulungswege beraubt und auf moderne (äussere) Maßstäbe reduziert ist. Während im Sport die Etikette nebensächlich, ja weil unfunktional zur Erlangung des Erfolges sogar hinderlich ist – und z.B. aus der ursprünglichen Kontemplation/Meditation im Seiza (am Anfang und Ende des Unterrichts) nur noch eine oberflächliche, allenfalls exotische Begrüßungszeremonie übrig geblieben ist – ist Budō ohne diese geistige Übung undenkbar.

Die Etikette ist zunächst vergleichbar mit einer eigentümlichen, fremden „Sprache“, dessen „Vokabular“ man zusätzlich zu den körperlichen Abläufen erlernen muss und dessen Sinn einem erst einmal verborgen bleibt. Eine Verneigung bei Betreten des Dōjō ist anfangs einfach nur eine Regel, ein Muss; später verbindet man vielleicht mit diesem vermeintlich äusseren „Ritual“ auch ein inneres Gefühl, geprägt durch die vielen Erfahrungen, die man gerade in diesem Dōjō hat machen können.

Aus der bloßen rituellen Verneigung vor dem Partner mag schliesslich eine Geste echter Wertschätzung werden, emotional „gefüllt“ mit wirklicher Hochachtung und Zuneigung. Die Etikette vermittelt einem eine neue, für Verständige in hohem Maße präzise „Sprache“ der Vermittlung von Einstellungen, d.h. eben besagter „innerer Haltungen“.

Etikette muss als Kata verstanden werden: eine (scheinbar in erster Linie oder für den Anfänger nur) äussere Form, ein Bewegungs- oder Verhaltensgerüst, dessen Sinn, Bedeutung und wahre „Ästhetik“ oder „Meisterschaft“ sich erst durch persönliche „Belebung“ und „Füllung“ mit „inneren Inhalten“ (Interpretationen) offenbart. Jede Kata ist darauf angewiesen, „beseelt“ zu werden – ansonsten bleibt sie starr und „ausdrucks-“ wie „leblos“. Am Ehesten sollte die Etikette so verstanden werden, dass sie eine Methode, ein Medium des Ausdrucks dessen ist, was man im Budō erreicht hat oder zu erreichen sich bemüht, vom Budō weiss, glaubt oder hält. Die Etikette verkörpert die Ideologie des Weges insgesamt. Damit weist sie über die Möglichkeit eigenen Wachstums, so zentral das Anliegen im Budō auch ist, durch (freiwillige) Anpassung und „Unterwerfung“ unter ein übergeordnetes Ideal hinaus.

Mein Verhalten bezeugt nicht nur meinen persönlichen Wegfortschritt (Auffassung, Ernst usw.), sondern steht Modell fürs Ganze. An ihm ist Budō überhaupt zu messen! Die Budō-Etikette dient auch diesem höheren Ideal, in dem man Beispiel für das Gesamte ist. Jedes eigene Fehlverhalten (auch ausserhalb des Budō) schadet dem Ansehen des Budō, jedes positive Verhalten dient dem Ganzen. Budō als Weg persönlichen Wachstums muss daran gemessen werden, inwieweit die Schüler bzw. Praktizierenden selbst den Anforderungen des Bemühens um Selbstbeherrschung genügen.

Die Etikette ist daher nicht nur dazu da, bestimmte Abläufe im Training oder im Dōjō vereinfachend zu regeln, sondern alle Praktizierenden in die „Pflicht“, d.h. in die Verantwortung zu nehmen, sich sowohl um eigene Selbstbeherrschung (mit dem Ziel zunehmender innerer Reife) zu bemühen, als auch Beispiel sein zu müssen für die Inhalte, Ziele und den Geist des Budō, der Ryū und des Dōjō, aus dem man kommt. Neben der rein formalen Organisation bestimmter Abläufe (z.B. zur Sauberkeit, Höflichkeit, Disziplin usw.), die auch zur störungsfreien und gefahrlosen Durchführung des Unterrichts hilfreich sind, sind also vor allem zwei wesentliche Ziele mit der Etikette verbunden:

  1. Persönliches Wachstum durch Überwindung des Egoismus (eigener Wichtigkeit) und „Unterwerfung“ des eigenen Selbst unter ein höheres Ideal (Übung der Wertschätzung, Demut).
  2. Pflege des guten Rufes eines Kampfkunstsystems oder einer Kampfkunstschule durch vorbildliches Verhalten der Schüler (Ehrenkodex).

Also gilt die Etikette für Budōka nicht nur innerhalb des Dōjō, sondern in gewissem Sinne auch „im normalen Leben“. Von einem Budōka erwartet man auch vor und nach dem Training sowie außerhalb ein den Budō-Idealen angemessenes Verhalten. Dieses ist im privaten Alltag wohl kaum einzulösen, aber zumindest dann, wenn man als Budōka oder Schüler eines Dōjō erkennbar ist (z.B. in der Gruppe, auf dem Parkplatz), zwingend geboten. Kein Verhalten ist egal. Alles Tun ist bewusst. Etwas, das im Buddhismus höchsten Rang besitzt. Jede Handlung dokumentiert meine Fähigkeit, mich entsprechend selbst gesteckter Ziele zu benehmen (Selbstdisziplin), repräsentiert mein Wissen und Können des Weges, auf dem ich bin, für den ich stehe. Ich zolle mit meinem Verhalten, das extra so ist, wie es ist, Respekt, d.h. Anerkennung und Achtung, mir (nämlich meinem Weg und Bemühen) und anderen gegenüber. Durch Etikette, die nicht zwanghaft und damit leer (sinnlos) ist, kann ich echte Wertschätzung ausdrücken – wenn ich will. Die Einhaltung der Etikette im Budō ist eine Übung selbst. Wie gesagt dient sie der Auseinandersetzung mit sich selbst, in dem ich mich erstens um Einhaltung und zweitens um das Verständnis des Sinns bemühe. Anfangs ist es reine äußere Form, unverstandene Floskel, gebotene Regel. Erst mit zunehmender Praxis und der eigenen Erfahrung, dass mit diesen symbolischen Gesten echte innere Gefühle, Einstellungen und Haltungen verbunden sind, gewinnt die Etikette an Bedeutung. Sie wird zu einer eigenen, typischen und unverwechselbaren Ausdrucksmöglichkeit des ansonsten Schwer- oder gar Nichtsagbaren.

Kurz: wir müssen im Budō zunächst die Etikette lernen, um uns später ihrer immer mehr in eigener Verantwortung und mit eigenem Geist bedienen zu können, um bestimmte Gefühle und innere Haltungen auszudrücken. Was anfangs fremd und zwanghaft war, wird eines Tages intim und frei. Man wird dankbar sein, diese Sprache „sprechen“ zu können und zu verstehen. Der Sinn der Etikette ist die „Innere Übung“, genauer Disziplinübung, um die Haltung zu entwickeln und über Sammlung, stille Konzentration und Bewusstheit jene „Offenheit“ (gegenüber dem Weg und Zulernenden) auszubilden, die zum Verständnis des Wesens des Budō notwendig ist. Im Zentrum der Etikette steht  R e s p e k t:

Respekt meint nicht Autoritätsangst oder blinde Unterwerfung, nicht das gezwungene Befolgen von Regeln, sondern eine innere (und äusserliche, d.h. äusserlich ausgestrahlte) Haltung der Würde und Würdigung. Würde bedeutet die Empfindung und den Ausdruck einer gewissen Feierlichkeit, „E(h)rhabenheit“, Ernst, Anstand, Selbstachtung und Stolz; Würdigung die Empfindung und den Ausdruck von Anerkennung, Achtung und das Ehren von etwas existierendem Bedeutsamen, einer Idee oder eines Ideals. In diesem Sinne ist Respekt zu verstehen.

Diese Art des Respekts, der in der Etikette gelebt werden soll, liegt allem Tun (Üben) zugrunde. Es geht um den Respekt sich selbst, dem anderen und dem Weg gegenüber. Alle einzelnen zeremoniellen Regeln und Verhaltensweisen, die in einer jeweiligen Budō-Etikette eines Dōjō gelten bzw. praktiziert werden, sind diesem Prinzip des Respekts (Würde und Würdigung) abgeleitet. Beachtet man die Leitidee, sich selbst, dem anderen und dem Weg gegenüber aufrichtig Respekt zu zollen und macht dies zum Maßstab seines tatsächlichen Verhaltens, so wären konkrete Regelungen überflüssig! Wenn man begreift, dass eben ein Dōjō nicht etwa nur ein Sportraum oder ein Übungsraum ist, sondern im traditionellen Sinne der „Ort der Erleuchtung“, ein „heiliger“ Ort des Weges, das Zentrum der Weggemeinschaft und dieses respektiert, achtet und würdigt, ist die Etikette im Wesen erfüllt. Alle einzelnen Regeln, wie genau man sich wann im Dōjō nun verhält, dienen allein der Übung, diesen Respekt zuerst auszudrücken, ihn zu entwickeln, um ihn dann wirklich zu empfinden.

Im Budō ist viel von Demut die Rede (und es geht dabei nicht etwa um Oben und Unten, um Autorität und Hierarchie, Macht und Unterwürfigkeit), sondern die innere Haltung jener Würde und Würdigung, welche Grundlage allen Wachstums und aller Persönlichkeitsentwicklung in den Höheren Kampfkünsten (Budō) ist. Demut meint eine gewisse Bescheidenheit, meint Ergebenheit und Hingabe. Durch die Übung der Demut soll Selbstlosigkeit entwickelt und „Edelmut“ kultiviert werden, die die Ritterlichkeit des „friedvollen Kriegers“ definiert. Ohne die Bescheidenheit, den ständigen Anfängergeist des Budōka, ist kein Fortschritt mehr möglich. Der Weg ist das Ziel! Es gibt kein Ende des Weges, keine Meisterschaft, keinen Stillstand, kein Ausruhen, kein Zurück.
Bemühe ich mich also um eine innere und äussere Haltung des Respekts (Würde, Würdigung und Demut) mir selbst, dem anderen und dem Weg gegenüber, praktiziere ich bereits Budō als wahre Kampfkunst. Die Disziplin, also die Selbstbeherrschung, die dies von einem oft erfordert, weil man häufig unaufmerksam, oberflächlich oder launisch ist, entwickelt sich aus dem „Kampf mit mir selbst“, der im Budō immer wieder als zentrales Anliegen thematisiert wird.

Habe ich Respekt vor mir selber, dann mag und achte und pflege ich mich. Dann erscheine ich (schon mir zuliebe) gepflegt und sauber zum Budōunterricht und ordne meine Kleider (Gi), ohne ermahnt werden zu müssen, laut Etikette mit gewaschenen Füßen, geschnittenen Fußnägeln, sauberem Gi usw. kommen zu müssen. Habe ich Respekt vor dem anderen, bezeuge ich gern meine Wertschätzung und verneige mich von selbst vor ihm, ohne durch die Etikette ständig dazu aufgefordert zu werden. Zeuge ich Respekt dem Weg gegenüber, also neben dem Budō allgemein auch dem konkreten Stil, dem Dōjō als Ort des Weges, den Lehrern als repräsentative „Wegweiser“ (Sensei, japanisch „Vorher-Erlebter“ und „Lehrer-Vater“) und den (auf dem Weg) Fortgeschrittenen gegenüber, anerkenne ich – in Demut – das System und die mir überlegene Leistung und Erfahrung ganz selbstverständlich und brauche nicht per Etiketteregeln dazu gezwungen zu werden.

Achtung und Bewusstheit ist Grundlage, Methode und Ziel der Etikette im Budō (Zen im Budō). Zanshin, höchste Geistesgegenwart, Aufmerksamkeit, Präsenz, Konzentration und Wachheit sind zentrale Inhalte der Kampfkunst. Sie durch Übung zu fordern und zu fördern, weiterzuentwickeln und in der Praxis soweit zu vertiefen, dass sie mir (bestenfalls) immer zur Verfügung stehen, ist Budō. Typisch: Schulungsweg (Übung) und Ziel (Ideal) sind eins. Übe ich mich in einer Haltung, entwickele ich sie auch. In diesem Sinne ist Etikette ein Vehikel der Selbsterziehung, kein sinnloser, dogmatisch-autoritärer Zwang diziplinierender Rangordnungsfragen, kein Gefängnis der Persönlichkeit, sondern geradezu eine systematische Aufforderung zur Selbstentwicklung. Die zunächst rituelle (also anfangs vielleicht nur äußere) Zurücknahme des Ego und Ausrichtung nach Idealen wird zur geistigen (inneren), ja erzieherisch-therapeutischen Übung wahrer Größe.

Ich „verbeuge“ mich nicht, mach mich klein und krumm, sondern „verneige“ mich in aller Aufgerichtetheit, ich „unterwerfe“ mich nicht als Kleingeist, sondern neige mich zu und öffne mein Herz in stolzem Großmut.

Nicht bediente Etikette ist, wenn nicht Zeichen von Unwissenheit oder sträflicher Oberflächlichkeit (das Gegenteil von Budō), der Ausdruck von Arroganz, anmaßender Überheblichkeit und kleingeistigem Geltungsbedürfnis sowie Geringschätzung des Gegenübers, des Weges – und letztlich meiner selbst.

Selbsterhöhung, die auf Nichtwürdigung oder gar auf Erniedrigung anderer angewiesen ist, erhöht nicht, sondern zeigt, wie weit unten man wirklich ist, wie klein; ja sie erniedrigt einen geradezu selbst. Respektloses Verhalten ist egozentrisch und selbstsüchtig. Budō ist aber gerade der Dienst am Anderen, ist Selbsterziehung auch zum Wohle der Gemeinschaft – des Friedens der Welt. Budō zerstört die kleingeistige Ich-Verhaftetheit und setzt mich in Beziehung zur Welt.

Die Fähigkeit der Empfindung sowie zum Ausdruck von Respekt ist also ein wesentlicher Aspekt des Weges – die Etikette eine zentrale Übung! Als Lehrer für Budō sind wir mehr als bloße „Trainer“ für bestimmte bewegungstechnische Prinzipien. Wir sind Vorbilder mit einer immensen Verantwortung für die Vermittlung all dessen, was dem Wesen nach Budō als persönlichkeitsfördernden und „charakterschulenden“ Übungsweg ausmacht. An unserem Verhalten und unserer Etikette als Lehrer und Fortgeschrittene wird der Wert des Budō als Dō gemessen, transportiert – oder eben auch nicht.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Jörg-M. Wolters, Institut für Budopädagogik (www.budopedagogik.de)