Mythos Sensei – oder: Irrglaube des Westens

In der westlichen Kampfkunstwelt existieren eine große Anzahl von Missverständnissen und falsche Auslegungen über japanische Begriffe und ihre Bedeutungen.

Ein immer wiederkehrender ist z. B. die Schreibweise von Jiu-jitsu oder Nin-jitsu, die schlichtweg falsch ist, sich aber in der westlichen Welt eingebürgert hat.

Ein weiterer ist die Bedeutung des Wortes Sensei.

Sensei (japanisch 先 生 = früher geboren) bedeutet aus dem Japanischen übersetzt Lehrer, Autor oder Doktor.

In westlichen Dōjō hat sich die Bezeichnung für Trainer, Übungsleiter, aber auch Meister durchgesetzt. In einigen Kampfkünsten wird dieser Titel bereits ab Shodan angewendet, in anderen nur höhere Dan-Träger (ab 5. Dan) mit diesem Titel angesprochen.

Respekt

In der traditionellen Kampfkunst ist der Begriff Sensei jedoch ausschließlich gleichzusetzen mit Lehrer, das heisst er steht unmittelbar in Verbindung mit dem Besitz, beziehungsweise der Leitung eines Dōjō (japanisch 道場 „Ort des Weges“). Der Begriff Sensei heißt also, dass diese Person Schüler unterrichtet.

In einem Dōjō gibt es jedoch nur einen Sensei, das heisst weitere Schwarzgurte, egal welche Graduierungen sie haben mögen, können nicht Sensei genannt werden.

Sensei ist ein Höflichkeitstitel, das bedeutet, der Betreffende wird sich nie selbst als Sensei bezeichnen. Eine Vorstellung: „Guten Tag, ich bin Sensei XY“ ist in Japan unvorstellbar. Auch die eigene Bezeichnung auf einer Visitenkarte oder als Patch auf dem Gi sind undenkbar und ein großer Fehltritt.

Beispiel für ein Patch, das nicht verwendet werden sollte

Noch einige weitere Gedanken zu diesem Titel:

Mit diesem Wissen erscheint es auch unpassend, an Kinder einen Schwarzgurt und auch noch den Titel Sensei zu vergeben, wie es in der westlichen Kampfkunstwelt leider vorkommt. Zum Einen wird ein Kind kaum Besitzer oder Leiter eines Dōjō sein, zum anderen gehört zum Unterrichten nicht nur technisches Können, sondern auch ein Maß an Reife und Lebenserfahrung.

Shodan als Meistergrad zu übersetzen, ist ein Widerspruch in sich. Shodan ist der Beginnergrad, das heisst der Schüler hat gerade erst die Grundlagen verinnerlicht und steht auf der untersten Stufe des Verständnisses für seine Kampfkunst. Er ist Beginner oder auch Einsteiger in höhere Lehren – also eben noch nicht meisterlich.

Trainierende japanischer Kampfkünste, gerade solche, die sich auf die japanische Tradition berufen, sollten sich immer bewußt in einem kulturellen Rahmen bewegen, anderenfalls geben sie leider oft Anlass zum Schmunzeln oder Kopfschütteln.

Probleme entstehen dann, wenn der kulturelle Hintergrund schlicht unbekannt ist oder aber, zum Beispiel durch den Bedarf eigener Aufwertung, bewußt ignoriert wird.