Vergessenes Prinzip in den japanischen Kampfkünsten?

Was bedeutet Shu-Ha-Ri? Wörtlich übersetzt bedeuten die Worte:

SHU bewahren
HA durchbrechen
RI  loslösen

Im Sinne des traditionellen Trainings in den Koryu beziehen sich diese drei Stufen auf die Entwicklungsabschnitte eines Kampfkünstlers. SHU steht für das Erlernen der Formen, HA für deren Durchbrechen und RI für die Transzendenz. Das Prinzip steht für den Weg in den Kampfkünsten vom Shoshinsha (vergleichbar eines Kindes) über den fortgeschrittenen Schüler (Jugendlicher) zum Sensei (Erwachsenen). Budō ist somit ein Entwicklungs- oder Reifeprozess. Hierbei hängt es vom Übenden ab, wie er diesen Prozess gestaltet. Die Vervollkommnung der Form (oder Waza, Kata, Technik) soll zum Reifen des Menschen beitragen. Fortschritte sollen nicht nur an der Perfektionierung der Techniken, sondern ebenso an der Haltung (Shisei) und des Menschen (Jin) gemessen werden.

SHU
Auf dieser Stufe steht der Glaube an die überlieferten Formen, das heisst die Techniken werden unter Anleitung eines Lehrers ohne Abwandlung geübt. Nur wenn die Form (Kata, Waza) beachtet wird, kann der Anfänger die Kampfkünste verstehen lernen. SHU steht für den Anfang, in dem der Schüler einen Gehorsam gegenüber dem Überlieferten entwickeln sollte, damit er den richtigen Weg auch gehen kann.

Ohne die Waza in Frage zu stellen oder diese abzuändern, mit Geduld, Bescheidenheit und Vertrauen soll im Laufe der Jahre ein richtiges Verständnis entstehen können. Ein Anfänger kann nicht zwischen richtig und falsch entscheiden und sollte auf die Erfahrung des Lehrers vertrauen. Man spricht auch von 100.000 Wiederholungen einer Technik, bis diese wirklich verinnerlicht ist. Die Weitergabe von Techniken obliegt nicht diesem Level, hier sollte die HA-Stufe bereits erreicht worden sein. Der Schüler sollte sich freimachen von dem Gedanken, die tieferen Zusammenhänge des Budō zu verstehen. Er lernt erst einmal sein Werkzeug kennen, ohne die unzähligen Einsatzmöglichkeiten zu verstehen. Um die nächste Stufe zu erreichen, muss der Schüler die Prinzipien der Waza akzeptieren können, seine Ansprüche seinem Niveau anpassen und eine verfrühte Freiheit vermeiden. Eine (zu) kritische Einstellung gegenüber nicht verstandenen Prinzipien kann den Lernprozess massiv behindern, daher sollte der Schüler sich auf den Lehrer verlassen und dessen Rat befolgen. Dieses Level ist die Voraussetzung, um den Weg des Budō weitergehen zu können. Die Entwicklung hängt nicht vorrangig vom persönlichen Talent, sondern vor allem von der inneren Haltung ab.

HA
Auf diesem Level entfällt der Zwang zur Form, der Schüler erhält die Möglichkeit, ihr einen eigenen Sinn zu geben. Dies führt dazu, dass ein Ende des genauen Formentrainings eintritt, der Schüler ist kein Anfänger mehr. Durch seine persönliche und charakterliche Haltung hat er die Formen gemeistert und schafft sich seine eigenen Variationen (Henka). Hierbei muss er nun lernen, dass die „absolute“ Form, die er im SHU-Level gelernt hat, hinderlich ist für seine weitere Entwicklung. Über das Üben hinaus wird das Prinzip einer Kata hinterfragt, um es zu verstehen und in anderen Situationen anwenden zu können. Nun beginnt der Schüler zu ahnen, wo die Stufe des Meisters beginnen könnte und er sieht, dass seine Bemühungen einen neuen Sinn ergeben. Er ist nun aufgeschlossen neuen Wegen und Formen gegenüber und beginnt zu erkennen, dass jenseits der Abhängigkeit zum System (bzw. der Form) weitere Möglichkeiten auf ihn warten.
Er realisiert, dass in der Rückschau betrachtet der Weg des SHU erforderlich war, um eine neue Bedeutung des Budō zu erfahren. Viele Fragen klären sich von selbst und durch das Unterrichten von  Anfängern klärt sich vieles, was vorher verschlossen war. Er begegnet seinen alten Fehlern und versteht, dass diese für seine Entwicklung erforderlich waren und alle Anfänger diesen Weg gehen müssen. Selbstverständlich übt auch der Fortgeschrittene weiterhin die Formen (Kata), aber sein Bewusstsein wird gänzlich anders sein. Seine innere Haltung ist gereift und er ist als Mensch gewachsen. In den unteren Dangraduierungen beschäftigt sich der Fortgeschrittene mit den speziellen Merkmalen der Ryū-Ha (durch Anwendung des SHU-Prinzips) und verfeinert sein Training der Basis im Ha-Prinzip, siehe oben). Sofern der Schüler nun Jahre des Trainings ohne Abkürzung und Abweichungen seinen Weg gegangen ist, kann er nun als „gereifter“ Mensch den Weg freimachen.

RI
Auf dieser Stufe verschwinden die Grenzen der Techniken und auch der geübten Variationen, es besteht eine Unabhängigkeit von jeder festen Form. Durch die Meisterschaft der Haltung (Shisei) und inneren Einstellung (Zanshin) wird aus dem Schüler ein „wahrhafter“ Mensch. Er handelt ausschließlich intuitiv (in den Budōkünsten sowie im Leben) und siegt über den Intellekt („besser“, „richtig“, etc.). Auf diesem Level arbeitet der Meister mit den Energien (Ki) und benutzt diese zur Heilung oder zum Erfolg. Diese höchste Form der Meisterschaft  muss nochmals mehrere Jahre intensivsten Studiums der dritten Stufe  RI beinhalten.