Kampfsport oder Kampfkunst?

Kampfsportarten sind durch Ausrichtung auf Wettkämpfe gekennzeichnet (oft im Taekwondō, Judō, Karate), bei Kampfkünsten hingegen existiert diese Form des Wettbewerbs nicht. Die Orientierung an äußerer Anerkennung und Erfolg (Titel, Pokale, Urkunden, Applaus) widerspricht der traditionellen Sicht, die inneren Aspekte (eigene Zufriedenheit, Ausgeglichenheit) und subjektive Kriterien (Verständnis, Rücksicht, Vorsicht) zu fördern.

Steht dadurch im Kampfsport auch der Sieg über einen Gegner im Vordergrund, so geht es in der Kunst vorrangig um einen Sieg über sich selbst. Das Streben sich (psychisch und physisch) unter immer bessere Kontrolle zu bekommen ist nicht zielorientiert (Sieg oder Niederlage), sondern wegorientiert (Überwindung von Lustlosigkeit, körperlichen Grenzen, etc.).

Kampfsport hegt oft den Anspruch einer einfachen realistischen Selbstverteidigung. Meist wird hierbei eine bestimmte Technik einem bestimmten Angriff zugeordnet, Abweichungen sind durch starre Prüfungsordnungen oft sogar verboten. In den historisch gewachsenen Kampf-, beziehungsweise Kriegskünsten dagegen wird auf eine große Technikvielfalt geachtet, da die durch Jahrhunderte gewachsene Erfahrung gezeigt hat, dass in einem Kampf auf Leben und Tod nichts vorhersehbar ist und somit standardisiert werden kann.

So kommt es also mehr darauf an, das Prinzip einer Technik zu verstehen und auf eine Vielzahl von Situationen anzuwenden, als Techniken durch Reduzierung und Reglementierung zu starren Formen verkommen zu lassen.

Zählt im Kampfsport hauptsächlich die Vermittlung von Sachkenntnis (Technik und Taktik), so ist in den Kampfkünsten auch die Vermittlung von Werten wichtig, die über das Training hinaus die Einbindung in den Alltag als Ziel haben. Hierfür bedarf es eines bestimmten Ortes, der abseits von unpersönlichen Turnhallen (Breitensport) oder Sportschulen (Gewinnstreben der Besitzer) eine dafür notwendige Atmosphäre schafft, das Dōjō. In ihm wird ohne politische Bestrebungen (Masse, Mitgliederzahl, erfolgreiche Meister) auf eine eigene Qualität gesetzt, die auf Beständigkeit, Treue, Gemeinschaftsgefühl und Tradition basiert.

Etikette (Tradition) wird nicht wie so oft im Kampfsport als Anhängsel (eher unwichtig und nebensächlich, möglicherweise störend) empfunden, sondern ist ein wesentlicher Bestandteil dessen, was die Kampfkunst ausmacht. Hier werden nicht angeblich überholte Normen gering-, sondern Traditionen wertgeschätzt.

Carsten Schroeder

Noch ein kurzer Gedanke zum Thema Selbstverteidigung:

„Es gibt Leute, die so besessen von einer Idee sind sich verteidigen zu können, dass dies sich negativ auf ihr Leben auswirkt. Sie verbringen sehr viel Zeit mit der Kampfkunst, was nicht unbedingt schlecht ist, aber durch einen Psychologen hätte ihre Angst effektiver und schneller bekämpft werden können.

Es steht also nicht der Spaß an der Kampfkunst im Vordergrund, sondern ein Zwang bzw. eine Sucht immer besser zu werden, um im Notfall handeln zu können. In den meisten Teilen Deutschlands ist es nicht nötig eine „Kampfmaschine“ zu sein, deshalb würde ich einer Person, die aus diesen Gründen Kampfsport betreibt, abraten weiter zu trainieren. Der Spaß sollte/muss Priorität haben, dann macht das ganze erst Sinn, ansonsten sollte die Zeit lieber mit erfreulichen Erlebnissen ausgefüllt werden.“

Markus Bochenski Oktober 2006