Der Begriff Jūjutsu wird außerhalb Japans häufig inkorrekt interpretiert. Die einfachste Übersetzung Sanfte Kunst oder Weiche Magie sagt vieles, aber noch lange nicht das Wichtigste darüber aus.

Auch die Aussage außerhalb Japans, dass es nur ein Jūjutsu gäbe, hält einer historischen und seriösen Überprüfung nicht stand. Das moderne Jūjutsu in der westlichen Hemisphäre entstand definitiv aus den traditionellen japanischen Grundlagen mit den Zeiten der Meji-Reform (um 1868). Eine wörtliche Übersetzung des Terms Jūjutsu ist aufgrund seiner vielen Ideome beinahe unmöglich. Gemäß Shihan Michael Stapels persönlichen Ansicht nach, wäre die folgende Definition dieses Begriffes etwas umfassender:

Makimono aus der Sammlung von Jun Osano

„Eine Methode des Nahkampfes, sich unbewaffnet oder mit Hilfe einfacher Waffen auf offensiven oder defensiven Weg, gegen einen oder mehrere bewaffnete oder unbewaffnete Angreifer zu verteidigen.“

Doch zurück zu den Ursprüngen: das traditionelle Jūjutsu wird in Japan im allgemein als Koryū Bujutsu verstanden und übersetzt. Es ist das Produkt einer langen Epoche politischer, sozialer, historischer und technischer Entwicklungen, die durch ständige innere und äußere Einflüsse einer permanenten Veränderung ausgesetzt war. Die Tatsache, dass Ihnen selbst in Japan fast niemand definitiv sagen kann, wann dieser Begriff wirklich geprägt wurde, spricht Bände.

Jūjutsu-Technik auf einer Vorführung

Wie in vielen Ländern entwickelten sich fast zeitgleich viele Kampfformen, die ursprünglich alle dem einzigen Zweck der Kriegsführung dienten. Die technische Verwandtschaft vieler Stile entspringt bis heute den Abhängigkeiten der menschlichen Biomotorik bzw. Biomechanik. Die Kanji „Bujutsu“ sind einige der wenigen aus der japanischen Schrift, die mit der chinesischen Schrift noch identisch sind. Bujutsu = Kriegstechnik (im chinesischen Wu-Shu).

„Die Lanze brechen“ oder die „Lanze aufhalten“ wären die einfachsten Übersetzungen.

Im Jahr 700 war in Japan ein chinesischer Militärkodex, der San-Ryaku, weit bekannt. In diesem Kodex findet man die Passage: „Ju yoku sei go“, was soviel bedeutet, wie „Die Sanftheit kontrolliert die Härte“.

Zu dieser Zeit wurde in Japan der chinesische Begriff „Jū“ mit „Yawaraka“ übersetzt, hergeleitet aus dem Verb yawarageru für „weich machen“.

Da bis Anfang 1700 Japan aus 300 kleinen Baronaten bestand, den so genannten HAN, existierten dort fast ebenso viele Jūjutsu Ryū-Ha, die alle ihr eigenes Selbstverständnis in Bezug auf Technik und Philosophie des Kämpfens hatten.

Tachidori-Technik auf einer Vorführung

Der Togugawa-Clan versuchte um 1630 einen Überbegriff  für die vielen Jūjutsu Stile zu prägen und man einigte sich auf „Yawara jutsu“. Die außerjapanische Einflussname des chinesischen Kung Fu, auf Okinawa als „Chuang Fa“ bezeichnet, ist bis heute unbestreitbar. Auf dem langen Weg von Okinawa zum Festland Japans verlor dieser Einfluß allerdings immer mehr an Gewicht und die ureigene Form des Jūjutsu gewann an Beständigkeit.

Als reine Kriegskunst war der Umgang mit allen zur damaligen Zeit verfügbaren Waffen notwendig. Und so war es normal, dass Menschen, die Jūjutsu ausübten, sich mit diversen Waffenformen auskennen mussten.

Allerdings war dies streng reglementiert. Denn einem „Normalbürger“ war das Tragen von Katana oder ähnlichen typischen Samuraiwaffen untersagt. Und es gab einen sehr großen Unterschied im Technik-Repertoire, ob ein Zivilbürger oder ein General sich mit der Kampfkunst beschäftigte. Für Militärs war das Kumi Uchi (Freikampf mit Reglement) oft in Verbindung mit Waffen oder für Rüstungsträger das Yotsu Gumi, das Gleichgewichtbrechen von Bedeutung. Für Zivilbürger war das Suhada Kumi Uchi eine der frühesten Formen der Straßen-Selbstverteidigung.

Ein Paar „Fukuroshinai“ für die Kontakt-techniken in Kumi Uchi

Um 1868 gingen mit dem Beginn der Meji-Reform in Japan viele alte Kampfkünste verloren und insbesondere durch die Wirren des 2. Weltkrieges wurden durch die Alliierten Kräfte das Ausüben von Kampfkünsten noch einmal untersagt. Denn leider waren sehr viele nationalistische Kräfte ultrarechter Lager in Japan mit den Kampfkünsten stark verbunden und man wollte die Aggression im Keim ersticken. Gleichzeitig führten diese Schritte dazu, dass Militärs, Händler und Wissenschaftler die Formen des traditionellen Jūjutsu nach Europa und Amerika brachten. Durch die dort existierenden Formen des Ringens und Boxens vermischte sich die Form des japanischen Kämpfens und  das europäische Jūjutsu nahm seinen Lauf. Die frühere Bezeichnung „Jiu-Jitsu“ war eine schlichtweg phonetisch falsche Übersetzung und würde noch heute viele Japaner verwirren.

In der ISBA wird die traditionelle Form des Koryū Bujutsu der Suigetsu Juku von Großmeister Jun Osano vermittelt:

  • Waffenlose Formen: z.B. Hebel, Würfe, Gegentechniken, Weiterführungen
  • Waffenformen: z.B. Katana, Bō, Hanbō, Tanbō, Te-no-uchi, Manrikigusari, Kama, Bokken

Osano Sensei versucht seit Jahrzehnten die alten Künste einem interessierten Publikum zu vermitteln, damit dieses alte Wissen nicht verloren geht.

Bōjutsu-Technik, Vorführung am Sengen Jinja, Fujiyoshida

Shihan Michael Stapel sagt über das traditionelle Jūjutsu-Training: „Für mich persönlich ist das Beschäftigen mit der traditionellen Form in erster Linie eine dynamische Form der Meditation. Und glauben Sie mir: ich bringe Sie auch im traditionellen Training so ins Schwitzen, dass Sie Meditation vielleicht nicht mehr buchstabieren können. Aber damit nähern Sie sich schon einem Aspekt dieses Weges. Der andere Aspekt ist, dass für mich diese Form sich als ein körperlich erlebter Geschichtsunterricht darstellt. Sie berühren Elemente der Kultur, der Philosophie, der Sprache, der Medizin und der Religion. Und Sie erfahren mehr über Japan als Ihnen jeder Computer Glauben machen möchte. Viele Schüler treten in die Kampfkünste ein aus einem maßlosen und falschen Verständnis von Entspannung. Aber ich muss erst wissen wie viel Energie ich habe, bevor ich anfange diese zu sparen. Also, ohne Schweiß kein Preis. Aber schlimmer ist es noch durch falsche Information, durch Unwissenheit und mangelndem Sachverstand diese wunderbare Kunst zu zerstören.“

* Text von Michael Stapel, überarbeitet von Carsten Schroeder